Glücksrad

„Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Ist das so? Habt Ihr schon mal über Eure Zukunft nachgedacht? Über das, was Euch einmal bevorsteht? Die meisten werden das schon einmal getan haben. Aber nicht unbedingt auf dieselbe Weise. Es gibt nämlich einen Unterschied, ob man seine Zukunft plant oder sich vor ihr fürchtet.       

Solltet Ihr zu ersterem gehören, dann habt Ihr Glück gehabt. Dann seid Ihr vermutlich geborgen genug aufgewachsen, um die nötige Ruhe für diese Gedankenspielerei zu haben. Solltet Ihr zu zweiterem gehören, dann meint es die Gesellschaft nicht so gut mit Euch. Dann gibt es in Eurer Gegenwart nicht genug Platz für die Zukunft. 

Existiert sowas wie Chancengleichheit? Für mich fühlt sich das eher wie einer Phantasterei an. Eine Kreation derer, die am Ende des Regenbogens geboren wurden. Die Menschen, die in der Gegenwart so wenig Sorgen haben, dass sie ihre Zukunft planen können. Zu behaupten, dass das Mädchen aus dem Sozialbau einer Großstadt die gleichen Chancen wie das Geschäftsmann-Söhnchen aus der Altbauvilla hat, ist einfach nur eine respektlose Widerwärtigkeit. Jeder, der das ernsthaft behauptet, hat nie über seinen goldenen Tellerrand hinausgeschaut. Wenn unser Finanzminister von einer „Gratismentalität“ in der Bevölkerung spricht, nachdem er mit seinem Porsche frisch von seiner Hochzeit auf Sylt zurückgekehrt ist, frage ich mich, ob die politische Elite noch weiter von der Realität des Volkes entfernt sein kann als sie es jetzt ist.
Ich sage nicht, dass jeder aus bildungsarmen Verhältnissen dazu verurteilt ist, auch dort zu bleiben. Genauso wenig verurteile ich Menschen, die in gut betuchtem Hause aufgewachsen sind. Ich sage aber, dass sich das Mädchen mit den drei kleinen Geschwistern und der Vollzeit arbeitenden, alleinerziehenden Mutter nicht so intensiv mit ihrer Mathearbeit beschäftigen kann wie der Junge mit dem privaten Nachhilfelehrer. Das ist kein weit hergeholter Vergleich, das ist keine Schwarzmalerei. Das ist keine Flucht vor der eigenen Verantwortung.

Das ist der erbarmungslose Alltag, und zwar für unzählige Menschen in diesem Land.
   

Das, was ich erreichen kann, ist nicht nur ein Produkt meiner Willenskraft. Es wird vor allem von dem beeinflusst, was mich umgibt. Die Menschen, die mein Umfeld sind und die Werte, die mir vermittelt werden. Bei meiner Arbeit in sozialen Brennpunkten habe ich viele Kinder und Jugendliche kennengelernt. Viele intelligente, einfühlsame und sensible Kinder mit unglaublich viel Potenzial. Wenn die Männer mit Kutten auf den Hof fahren, dann fragt Dich aber mit Sicherheit keiner nach Deiner beruflichen Zukunft. Wenn Dir der lässige Typ mit den zwei Handys die Scheine aus seiner Bauchtasche zeigt, dann denkst Du nicht an eine Festanstellung. Wenn all deine Geschwister einen eigenen Vater haben, dann denkst Du nicht an Deine Silberhochzeit. Das Leben ist nicht gütig genug, um Dir das zu geben, was Du verdient hast. Um Dir die gleichen Chancen zu ermöglichen wie jeder andere.
Ich muss nicht in ein anderes Land reisen, um soziale Differenzen zu spüren. Sie sind hier. Sie sind direkt vor meiner Türe. Sie sind außerhalb der Blase, in der ich meine Illusionen aufrechterhalte.

Jeder ist seines Glückes Schmied? Das Glücksrad kann ich nicht schmieden… 

… es ist aus Plastik. 

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