Tierische Lehrer

Die Tatsache, dass Menschen sich als Besitzer eines Tieres bezeichnen, hat mich schon immer irgendwie abgeschreckt. Das mag juristisch zwar korrekt sein, aber der Gedanke, ein Lebewesen zu besitzen, kam mir stets fremd vor. Ich denke, genau das ist auch das Kernproblem zwischen Mensch und Tier. Dass Menschen oft mit einem Überlegenheits-Standpunkt in die Beziehung zu ihrem tierischen Begleiter gehen. Sie haben die Erwartung, immer in einer Machtposition sein zu müssen. 

Aber wie kann das sein?

Eine Beziehung zu einem Tier sollte keinen Herrscher-Untertan-Charakter haben. Ich darf doch kein Verhalten erwarten, das ich selbst nicht an den Tag lege. Ich darf keinen riesigen Hund in eine verrauchte 2-Zimmer-Wohnung einsperren und davon ausgehen, dass er sich mit 15-min Spaziergang pro Tag zufriedengibt. Ich darf mir nicht vier Katzen zulegen und sie ungechipt und unkastriert der urbanen Wildnis überlassen, sodass sie sich draußen ungehindert vermehren und weitere hilflose Lebewesen hinterlassen. Viele Menschen glauben, nur den minimalen Aufwand zum Wohlergehen des Tieres betreiben zu müssen, aber erwarten gleichzeitig maximalen Gehorsam
und bedingungslose Liebe von Hund, Katze und Co. Jeder sollte doch erkennen können, wie falsch das ist. Aber das tun die meisten nicht. Und wieso? – Weil es funktioniert. Weil Tiere eben genau so bedingungslos sind wie es die Menschen von ihnen erwarten. Weil Tiere eine Fähigkeit besitzen, die den Menschen im Zuge ihrer Komplexität verlorengegangen ist: Echtheit.           
Wenn ich im Kontext meiner Arbeit als Familienhilfe Menschen in ihrem zuhause aufsuche, dann gehört oft ein Tier mit zu dieser Gemeinschaft. Im Umgang mit den Menschen der Familie ist vor allem Empathie unerlässlich. Ich muss verstehen können, ob sich etwas hinter dem verbirgt, was sie mir zeigen. Ob hinter dem Lächeln nicht doch Ablehnung steckt, hinter der Ablehnung nicht doch Verunsicherung. Ich muss die Menschen und ihre Erfahrungen nachvollziehen können, da sie mir selten zeigen, was sie denken. Ich muss erkennen, dass die Menschen Mauern errichten, um sich selbst zu schützen, sich hinter Fassaden verbergen, um ihr Innerstes zu verschleiern. Die Arbeit mit Menschen erfordert Fingerspitzengefühl, da sie nur selten die Person sind, die sie wirklich sind. Das mag nach einer etwas zynischen Weltanschauung klingen, aber das ist es nicht. In unserer Gesellschaft ist es für Menschen oft einfach gefährlich, das zu sein, was Tiere sind: echt.
Wenn ich in Familien mit Tieren in Kontakt trete, dann benötige ich diese Skepsis nicht, die bei den Menschen so unglaublich wichtig ist. Ich muss sie nicht stirnrunzelnd betrachten und Wort und Tat hinterfragen. Auch sie haben Dinge erlebt und Erfahrungen gemacht, die sie geprägt haben, aber sie zeigen mir deutlich, wer sie sind. Unverblümt und ehrlich. Wenn ich die Wohnung von Familie A betrete, dann springt mir ihr überdimensional großer Hund auf die Schultern und rennt durch die Wohnung, weil er weiß, dass ich immer mit ihm spiele. Wenn ich Familie B besuche, dann schläft ihre Katze auf meinem Schoß, weil sie weiß, dass ich sie streichle und dass sie mir vertrauen kann. Wenn sich solche Situationen ereignen, dann muss ich mich nicht fragen, ob sie mit diesem Verhalten etwas bezwecken wollen. Dahinter versteckt sich keine List, sie verbergen sich hinter keiner Fassade. Sie zeigen mir bedingungslos, wer sie sind und auch, wer ich für sie bin.

Für unsere persönliche Entwicklung müssen wir nicht zwingend Bücher wälzen oder uns an Weisheiten unserer Vorbilder klammern. In unserer unmittelbaren Nähe sind Lebewesen, die uns viel darüber beibringen können, wie wir miteinander umgehen sollten.

 Für unsere Menschlichkeit…

… sind Tiere die besten Lehrer. 

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