Generation Corona

Ich kann dieses Thema nicht mehr hören. Ob man Radio hört, fernsieht oder tief im Morast einer Smalltalk-Unterhaltung versinkt, man wird mit Inzidenzwerten und dem Impfprozess ausgepeitscht. Demonstranten gegen den „Lockdown“ duellieren sich mit den Gegendemonstranten und die nächste Virologenansprache wird höchstens von Bildern einer überfüllten Wiese in Düsseldorf abgelöst. Die ganze Welt jammert über ihre eingeschränkten Rechte. Bei all den Problemen, mit denen uns die Pandemie gezwungenermaßen konfrontiert, lassen wir aber einen wichtigen Punkt außer Acht: unsere Kinder. 

So eingeschränkt wir alle in diesem Moment sind, bin ich als Erwachsener doch wesentlich flexibler. Ich kann trinken, rauchen und meine Langeweile bestenfalls sogar mit zweckmäßigem Konsum bekämpfen. Ich kann mich auch über Regeln hinwegsetzen, ohne mit erhobenem Zeigefinger zurechtgewiesen zu werden. Als Kind kann ich das aber nicht. Als Kind bin ich auf den Rahmen angewiesen, den mir meine Eltern geben. Wenn Papa auf den 37. Spielplatzbesuch in diesem Lockdown keinen Bock hat, dann muss ich mich als Kind damit abfinden. 

Dieses letzte Jahr ist für uns alle anstrengend gewesen, keine Frage. Jobverluste, finanzielle Probleme oder sogar der Verlust eines geliebten Menschen. Wenn mir dieses Jahr aber schon als Erwachsener so elendig lang und ungerecht vorkommt, was macht dieses Jahr dann mit Kindern und Jugendlichen? Nicht nur Krankenhäuser, auch Psychiatrien und Therapeuten setzen einen Aufnahmestopp. Jugendliche, die über Bauchschmerzen klagen, für die es scheinbar keinen Grund gibt. Kinder, die nicht mehr aus dem Bett kommen, weil es für sie einfach keinen Sinn macht. Weil sie sich auf nichts freuen können, was nach dem Aufstehen kommt. Und die ganz kleinen? Die Pandemie macht einen großen Teil ihres gesamten Lebens aus. Das bedeutet, dass das bewusste Erleben einer Fünfjährigen z.B. fast ausschließlich aus Corona besteht. Es gibt keine Erinnerung daran, was vorher gewesen ist. Sie kennt nur den jetzigen Zustand. An welchen hoffnungsvollen Gedanken soll sich so ein Knirps denn klammern? Sie kann sich nicht vorstellen, wie es später wieder sein wird, weil sie es nicht weiß. Sie hat keinerlei Macht, daran etwas zu ändern. Sie weiß nur, dass Papa keine Lust mehr hat, mit ihr auf den Spielplatz zu gehen. 

Studenten wollen wieder in die Uni und die Gastronomie sich nicht mehr davor fürchten, ihre Lokale schließen zu müssen. Für den Gedanken, dass die gesamte Jugend gerade die Puzzlestücke einer immensen Depression zusammensetzt, ist in dieser egoistischen Welt aber kein Platz. 

Wir ziehen eine Generation groß, die vor Lethargie und Antriebslosigkeit nur so strotzt. Eine Generation, die verlernt hat, glücklich zu sein. Die Auswirkungen dieser Pandemie werden wir nicht am härtesten in der Wirtschaft zu spüren bekommen. Wenn die Kinder von heute keine Kinder mehr sind. Wenn unsere Gesellschaft in 20 Jahren von Erwachsenen geprägt wird, die ohne Hoffnung aufgewachsen sind…

...dann werden wir sie spüren.

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